Erfolgreiche Fachtagung „Digitale Souveränität beginnt in der Bildung“: DMK-Prüfauftrag zu openDesk – Teilnehmer fordern kostenfreie openDesk Lizenzen für alle Studierende noch in diesem Jahr. "Machen - nicht lange prüfen!"
75 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Hochschulen, Rechenzentren, Politik und Zivilgesellschaft kamen am 1. Juni 2026 zu einer zweistündigen Online-Fachtagung zusammen, um über den DMK-Prüfauftrag zur kostenfreien Bereitstellung von openDesk an Hochschulen zu diskutieren. Veranstaltet von den GI-Arbeitskreisen Open Source Software, Digitale Souveränität, Datenschutz und IT-Sicherheit sowie dem ZKI e.V. (Verband der Hochschulrechenzentren) wurde ein deutliches Fazit gezogen: Der Prüfauftrag der Digitalministerkonferenz (DMK) muss jetzt schnell in konkretes Handeln umgesetzt werden – mit kostenfreien openDesk Lizenzen für alle Studierenden.
Videos: https://www.youtube.com/playlist?list=PLw1w1mTwUD4R0Zw3UYKIUQ2qvUS3x7lH_
Foliensätze: https://ak-oss.gi.de/veranstaltung/information/digitale-souveraenitaet-faengt-in-der-bildung-an-schluss-mit-der-digitalen-kolonie
Beschluss der Digitalministerkonferenz (DMK) als Weckruf
Am 13. Mai 2026 hatte die DMK unter TOP 5.11 beschlossen: „Die DMK bittet den Bund zu prüfen, ob und ggf. wie an Universitäten und anderen Hochschulen der öffentlichen Hand im Bereich der Softwarenutzung durch Studierende geeignete Entwicklungen auf Bundesebene bzw. beim Zentrum für Digitale Souveränität sowie dort entstandene Produkte den Studierenden zur Förderung der Digitalen Souveränität kostenfrei zur Nutzung zur Verfügung gestellt werden können.“ Die Fachtagung griff diesen Impuls auf und zeigte auf, welche Potenziale, Hürden und Strategien mit der kostenfreien Bereitstellung von openDesk verbunden sind.
Milliarden ins Ausland – während Hochschulen sparen müssen
Prof. Dr. Harald Wehnes (Sprecher des GI‑Präsidiumsarbeitskreises „Digitale Souveränität“) erinnerte an die alarmierenden Zahlen: Allein die Microsoft-Ausgaben des Bundes stiegen von 2023 bis 2025 um 76 % auf fast eine halbe Milliarde Euro. Gleichzeitig wachse das EU‑Dienstleistungsbilanzdefizit gegenüber den USA rasant – 2024 bereits 148 Milliarden Euro. Eine Hochrechnung mit der Steigerungsrate von 36 % ergibt, dass das Defizit 2029 deutlich größer sein wird als der gesamte deutsche Bundeshaushalt. „Die Gewöhnung von heute ist die Abhängigkeit von morgen. Das Drogendealer‑Modell von Microsoft (kostenlose Lizenzen für Studierende) muss endlich durch eine faire Kostenparität für openDesk ersetzt werden“, so Wehnes.
Studentische Perspektive und Marktanalyse
Marlena Müller (IT‑Sicherheitsstudentin, Ruhr-Universität Bochum, Konferenz der Informatikfachschaften, Junge GI) forderte im Namen der Fachschaften, dass digital unsouveräne Lösungen schrittweise abgeschafft werden und die Hochschulrechenzentren besser finanziert werden müssen. Studierende werden häufig gezwungen, Microsoft‑Produkte für Abgaben zu nutzen.
Dr. Dirk von Suchodoletz (Rechenzentrum Universität Freiburg) analysierte das Marktversagen im Software-Sektor. Er wies auf intransparente Preismodelle, systematische Lock‑in‑Effekte und die Praxis hin, dass Monopolisten durch jahrelange Verträge ohne Ausschreibung (z. B. Oracle‑Auftrag über 4,6 Mrd. Euro) jeden fairen Wettbewerb ersticken. Besonders prägnant nannte er diese Zahlungen an Big Tech „leistungslose Rentenzahlungen“ – Gewinne, die ohne echte Gegenleistung allein aus der einmal erlangten Monopolstellung fließen. Als Lösungsmöglichkeiten schlug er unter anderem die Schaffung funktionierender IT‑Service‑Märkte durch den Aufbau von Open‑Source‑Ökosystemen, Finanzierungsmodelle wie Sovereign Tech Funds oder Versicherungsfonds für Open‑Source‑Wartung sowie verpflichtende Quellcode‑Mitlieferungen bei öffentlichen Ausschreibungen vor.
Keynote aus Schleswig‑Holstein: Der Weg zu einer souveränen Bildungs-IT aus Ländersicht
Alexander Rosenthal (DigitalHub.SH) vertrat den kurzfristig verhinderten Digitalminister Dirk Schrödter und unterstrich, dass die Abhängigkeit im digitalen Raum bereits in der Schule beginnt. Proprietäre Software beschränkt Lernen, Anpassung und Verbesserungen durch Dritte. Digitale Souveränität ist daher nicht nur eine Frage der Governance, sondern eine Frage des technologischen Eigentums und der Kontrollarchitektur. Er verwies auf das erfolgreiche Landesprogramm „Open Innovation“ und die Migration von 30.000 Arbeitsplätzen auf Open Source, die bereits 15 Millionen € jährlich einspart.
Diskussion liefert Lösungsmöglichkeiten und konkrete Forderungen
In einer interaktiven Phase sammelten die Teilnehmer ihre Einschätzungen zu Potenzialen, Hürden, Strategien und Forderungen. Folgende Themen standen dabei im Vordergrund:
Souveränitätswashing: Die Teilnehmer kritisierten, dass US‑Hyperscaler ihre Clouds als „souverän“ bewerben, obwohl sie dem US‑CLOUD‑Act unterliegen. Selbst BSI‑Zertifikate verhindern keinen US‑Zugriff, da echte Rechtshoheit fehlt. Gefordert werden harte Sanktionen (Vertragsstrafen, Ausschluss von öffentlichen Ausschreibungen) für falsche Souveränitätsversprechen.
Unterfinanzierung des ZenDiS: ZenDiS verfügt 2025 nur über 2,7 Mio. € (Rückgang um 90 %), während allein der Bund 481 Mio. € an Microsoft zahlt. Die Teilnehmer forderten eine ausreichende und nachhaltige Grundfinanzierung von mindestens 40 – 50 Mio. € pro Jahr. Der Nutzen wäre enorm: Stärkung der heimischen Digitalwirtschaft, hochwertige IT‑Arbeitsplätze, Steuereinnahmen, Datenkontrolle und Schutz vor Kill‑Switches – wie es Frankreich („La Suite“) und Schleswig‑Holstein (15 Mio. € Ersparnis) bereits beweisen.
Die Teilnehmer stimmten überein, dass die kostenfreie Bereitstellung souveräner Alternativen zu Microsoft 365 in allen Bildungsbereichen zwingend erforderlich ist – andernfalls wird die nächste Generation von Fach- und Führungskräften systematisch an ein proprietäres US-Ökosystem gebunden, während digitale Souveränität zu einer bloßen Absichtserklärung ohne strategische Konsequenz verkommt.
Weitere Themen waren der verpflichtende Einsatz des OpenDocument‑Formats (ODF) in Verwaltung und Bildung, die Forderung nach öffentlichen Mitteln für Open‑Source‑Wartung sowie der kommende „Public Procurement Act“ der EU, der Open Source in öffentlichen Ausschreibungen verankern soll.
Konkrete Forderungen
Unter dem Motto „Machen – statt lange prüfen!“ wurden vier zentrale Forderungen an Bund und Länder formuliert:
1. Kostenfreies openDesk für alle Studierenden – spätestens ab Wintersemester 2026/2027. Die künstliche Kostenhürde (1,6 Mio. € Mehrkosten pro mittlerer Uni) muss fallen.
2. Nachhaltige Finanzierung des ZenDiS – Mittelaufstockung auf jährlich mindestens 40–50 Mio. €
3. Transparenz über IT‑Milliardenausgaben – Offenlegung aller Vergaben ohne Ausschreibungen an nicht‑europäische Konzerne (z.B. 4,6 Mrd. € an Oracle ohne Ausschreibung) von 2022 bis heute.
4. Keine neuen Rahmenverträge mit Big Tech – denn solche Verträge zementieren die digitale Abhängigkeit und schaden sowohl den europäischen Alternativen als auch dem fairen Wettbewerb.
Ausblick
Die Veranstaltung zeigte: Die technischen Alternativen (openDesk, Libre Office, Nextcloud, OpenTalk, europäische Clouds) sind reif, die politischen Signale (DMK‑Beschluss, Pilotprojekte in Ländern) sind vielversprechend, es fehlt jedoch noch der verbindliche politische Wille zur Umsetzung.

